Zentrale
Auftaktpressekonferenz
7. September
2007 in Berlin
zum
Tag der
Zahngesundheit (TdZ)
am
25. September 2007
„Gesund
beginnt im Mund -> auch
unsere Zähne leben länger"
Dr. Dietmar
Oesterreich
Vizepräsident
der Bundeszahnärztekammer,
Präsident
der Zahnärztekammer Mecklenburg-Vorpommern
Sehr
geehrte Damen und Herren,
das
diesjährige Motto des Tages der Zahngesundheit „Gesund beginnt im Mund - auch
unsere Zähne leben länger" fasst die wichtigsten Ziele und Aufgaben der
modernen Zahnheilkunde perfekt zusammen.
Unser
wichtigstes Ziel:
Wir wollen die
präventiven Erfolge bei den Kindern über die Pubertätsphase und das junge
Erwachsenen- bis in das Seniorenalter fortführen und damit für eine
Verbesserung der Mundgesundheit sowie Erhöhung der Lebensqualität sorgen.
Unsere
wichtigste Aufgabe:
Die
demografische Entwicklung berührt auch die Zahnmedizin in vielfältiger Weise.
Hier stellen sich viele Herausforderungen an uns Zahnärzte, auf die wir uns
intensiv vorbereiten, für deren erfolgreiche Bewältigung wir aber auch
Zusammenarbeit mit anderen Bereichen brauchen.
Lassen
Sie mich, weil diese Punkte für die Zahnmedizin heute so wichtig sind, dies
noch etwas ausführen:
Die
Prävention ist die umfassende Grundlage des zahnmedizinischen Handelns. Die Zahnheilkunde hat in der Vergangenheit einen deutlichen Wandel
vollzogen: weg von der Spät- und Defektversorgung hin zu einer präventiven,
minimalinvasiven Ausrichtung. Im Mittelpunkt stehen die lebenslange Begleitung, Motivation und Förderung des
mundgesundheitsförderlichen Verhaltens der Menschen sowie eine
präventionsorientierte, alters- und ursachengerechte sowie zahnsubstanzschonende
Behandlung. Auch in Zeiten zunehmender Kostendiskussion im Gesundheitswesen
erhält eine moderne, prophylaxeorientierte Zahnheilkunde eine immer größere Bedeutung
im öffentlichen Fokus.
Der
demographische Wandel in unserer Gesellschaft ist auch für die Zahnmedizin eine
große und vielschichtige Aufgabenstellung. Die Zunahme der älteren Bevölkerung
erfordert entsprechende Behandlungs- und Betreuungskonzepte für die
verschiedenen Phasen des Alters.
Die
Prävention ist auch in dieser Lebensphase unser wichtigstes Anliegen.
Insgesamt
verzeichnen wir schon heute großartige Erfolge in der zahnmedizinischen
Prävention in Deutschland. Damit haben wir eine Vorbildfunktion für das gesamte deutsche Gesundheitswesen. Das
zeigen unter anderem die Resultate der
Vierten Deutschen Mundgesundheitsstudie (DMS IV)[i]. Die wesentlichen
Ergebnisse dieser aktuellen Bestandsaufnahme in Sachen Zahn- und Mundgesundheit
für Deutschland lassen sich in wenigen Sätzen kaum aufzeigen, zu vielfältig
sind die erhobenen Variablen und deren Verknüpfungen mit den
sozialstrukturellen und verhaltensbezogenen Aspekten, die erhobenen wurden.
Lassen
sie mich deshalb einige "Kernbotschaften" auch im Hinblick auf unser
heutiges Anliegen zum Tag der Zahngesundheit herausgreifen, wir wollen zeigen,
was wir zum Thema „Zahngesundheit ein Leben lang", also in den verschiedenen
Alters- und Bevölkerungsgruppen bisher erreicht haben und wo wir künftig noch
mehr tun müssen - allein oder mit Partnern, um die Herausforderung „auch unsere
Zähne leben länger" auch erfolgreich bewältigen zu können. Natürlich sind hier
auch die Patienten gefordert, denn ohne deren persönlichen Einsatz für ihre
eigene Mundgesundheit geht es natürlich nicht - aber Sie werden sehen: Manchmal
braucht es für dieses Engagement auch hilfreiche Rahmenbedingungen, die heute
ganz sicher einer Optimierung bedürfen.
1.
Die Zahngesundheit der Kinder hat sich
in Deutschland entschieden verbessert, im internationalen Vergleich liegen wir
ganz oben im Ranking.
Aber ein
niedriger sozialer Status ist, wie in der Medizin auch, mit höheren Erkrankungsraten
- über alle Altersgruppen, auch bei Senioren - assoziiert.
Um
die Erfolge bei den Kindern und Jugendlichen langfristig zu erhalten, ist es
wichtig, die Prophylaxeaktivitäten zu verstetigen.
Die
Ursache für die Unterschiede in der Mundgesundheit sieht man in der sozialen
Schichtung - je niedriger der soziale Status, desto schlechter der
Mundgesundheitszustand. Eine geringe Bildung, ein geringes Einkommen, ein
niedriges Sozialprestige sowie die Zugehörigkeit zu bestimmten ethnischen
Gruppen sind Aspekte, die einen geringen sozioökonomischen Status bedingen. Es
handelt sich hier um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das allein durch
die stärkere Verzahnung von Gruppen- und Individualprophylaxe und damit allein
durch die Zahnärzte nicht zu lösen ist. Sozial benachteiligte Menschen bedürfen
einer verstärkt sozialkompensatorisch präventiven ärztlichen und zahnärztlichen Betreuung.
Niedrigschwellige Versorgungs- und Präventionsangebote sind notwendig.
Erfolgreiche Lösungen sind aus Sicht der Bundeszahnärztekammer nur durch die
interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Beteiligten möglich. Hierzu zählen die
Zahnärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, die niedergelassenen Zahnärzte
mit ihren Berufsorganisationen, die gesetzlichen Krankenkassen, die
Landesarbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege, die Kinderärzte, Hausärzte,
Internisten, Physiotherapeuten, Pflegekräften, Erziehungseinrichtungen, Alters-
und Pflegeeinrichtungen, Pädagogen, Sozialpsychologen sowie der Staat und die
Einrichtungen der öffentlichen Hand. Es ist letztendlich eine Querschnittsaufgabe
aller Politikfelder und bedarf vor dem Hintergrund der älter werdenden
Bevölkerung einer erweiterten Sichtweise.
2.
Zahnverluste bei den Erwachsenen und den Senioren sind deutlich rückläufig,
immer mehr Menschen verfügen bis ins hohe Alter über immer mehr eigene Zähne.
Dieser erfreuliche Umstand hat aber zur Folge, dass schwere Zahnbett-, d. h.
Parodontalerkrankungen, aber auch die Wurzelkaries bei Erwachsenen und Senioren
in Deutschland stark zunehmen.
Zudem
zeigen sich auch Zusammenhänge zwischen allgemeinmedizinischen Erkrankungen und
Parodontitis. Verhaltensabhängige Faktoren oder genetische Ursachen kommen
hinzu. Verwiesen sei hier auf den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Parodontitis, oder auf die Entwicklung eines Diabetes, der wiederum Zahnbetterkrankungen und Wurzelkaries
begünstigen kann. Auch das Rauchen ist ein wichtiger Faktor bei der Entstehung
einer Parodontitis. Um präventive Potentiale zu heben, muss eine
bevölkerungsweite Aufklärung über Ursachen und Symptome einer
Parodontalerkrankung erfolgen, eine Aufgabe, der sich die Bundeszahnärztekammer
und die Wissenschaft in wachsendem Maße stellen. Zu einer erfolgreichen
Gesunderhaltung des Zahnbettes gehört nicht zuletzt ein regelmäßiges Recall und
parodontales Screening. Eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der
Medizin ist ebenfalls wichtig.
Da
gerade bei Parodontalerkrankungen der Heilungsprozess und die Vorbeugung einer
erneuten Entzündung entscheidend von der Mitarbeit (Compliance) des Patienten
abhängen, ist die Motivation des Patienten zu einem eigenverantwortlichen
Verhalten, die Anleitung zu einer effektiven Zahn- und Mundhygiene zu Hause und
die regelmäßige weitere Betreuung durch das zahnärztliche Team besonders
wichtig. Prophylaxeorientierte Praxiskonzepte gewinnen daher gerade im Hinblick
auf die Zunahme von Parodontalerkrankungen eine immer größere Bedeutung.
3. Die
Versorgung mit Zahnersatz bewegt sich nach Art und Umfang auf einem qualitativ hohen Niveau - und immer häufiger
wird dabei festsitzender Ersatz eingesetzt.
Nicht
alle Zähne können erhalten werden - auch für diese Fälle brauchen wir
ausgefeilte Lösungen, die präventiv ausgerichtet sind, heißt: fortschreitende
Schäden insbesondere am Zahnbett verhindern. In den letzten Jahren hat sich die
Qualität von Zahnersatz enorm vielfältig verbessert - von einfach und gut bis
zu erstklassiger moderner Keramik, von leicht zu handhabbaren herausnehmbaren
Versorgungen bis zu festsitzenden Lösungen entspricht die Palette nahezu allen
medizinischen Indikationen und Patientenanforderungen. Bemerkenswert rasch
haben sich festsitzende Lösungen etabliert, die vielen Patienten das Leben mit
Zahnersatz erleichtern. Dieser Trend bedeutet eindeutig einen optimierten
Tragekomfort, bessere Kaufähigkeit, nicht zuletzt auch eine verbesserte
Ästhetik für den Patienten und unter psychosozialen Kriterien eine Förderung
der Lebensqualität, des Selbstvertrauens und der Kommunikationsfähigkeit. Gleichzeitig
wird damit aber auch deutlich, dass mit der Zunahme der natürlichen Zähne umfangreiche
Zahnersatzmaßnahmen im Alter nicht entfallen werden, sondern weiter Bestandteil
eines präventiv orientierten Behandlungskonzeptes bleiben.
Diese
Tatsache fordert gesellschaftliche und sozialpolitische Entscheidungen, wie
viel hochwertige Zahnheilkunde im Sinne von „mehr Lebensqualität schaffen" dem
Einzelnen in Deutschland in Zukunft ermöglicht wird.
Fazit
Dank
erfolgreicher Prävention und präventionsorientierter zahnärztlicher Versorgung
hat sich die Mundgesundheit der
Deutschen generell deutlich verbessert. Mit dem zunehmenden Zahnerhalt ist
andererseits auch eine Zunahme von
Parodontalerkrankungen und Wurzelkaries bei Erwachsenen und Senioren
verbunden. Gleichzeitig verzeichnen wir eine Schieflage in der Erkrankungsverteilung über alle Altersgruppen
hinweg. Dies macht deutlich, dass der Ausbau vorsorgeorientierter
Betreuungskonzepte auch zukünftig dringend notwendig ist.
Zum
Tag der Zahngesundheit 2007, der mit seinem Motto auf die Auswirkungen der
demografischen Entwicklung auf die Mundgesundheit der Deutschen hinweist, wird
deutlich: Zahngesundheit steht nicht allein im Raum und ist nicht allein in den
Zahnarztpraxen und durch das sorgfältige Zähneputzen zuhause zu erreichen:
Zahngesundheit ist auch eingebunden in die Allgemeingesundheit, den Alltag und
die Lebensverhältnisse der Menschen und nicht zuletzt in die Rahmenbedingungen,
die Gesellschaft und Politik gestalten. Wenn wir alle mit vielleicht hundert Lebensjahren
noch viele gesunde eigene Zähne haben wollen, ist einiges zu tun.
Ich
möchte deshalb hier kurz einige der wichtigsten Strategien aufzeigen, die wir
für notwendig erachten:
Strategien
Neben
der zahnmedizinischen Betreuung sollte die Information, Aufklärung und konkrete
Anleitung zur individuellen Verhaltensänderung
integraler Bestandteil aller zahnärztlichen Präventionsbemühungen sein. Dabei
sei jedoch darauf hingewiesen, dass gerade für die Lebensphase des Alters kein
schablonenhaftes Übernehmen von Präventionskonzepten des Kinder- und
Jugendbereiches möglich ist, sondern diese
immer zielgruppengerecht und die individuelle Lebenssituation
berücksichtigend angepasst werden müssen.
Auf
Grund des Sozialschichtgradienten, der einen Zusammenhang zwischen Armut und
geringerer (Mund)Gesundheit zeigt, ist jedoch auch nachdrücklich darauf hinzuweisen,
dass präventive Maßnahmen auch die gesellschaftlichen und sozialen Verhältnisse
tangieren müssen (Verhältnisprävention).
Hier sei vor allem auf die Bereiche Arbeit und Bildung verwiesen, die im
Wesentlichen den sozioökonomischen Status eines Menschen beeinflussen.
Die
Kommunen ziehen sich seit Jahren finanziell aus dem Öffentlichen
Gesundheitsdienst zurück, der eine wichtige Rolle für die gruppenprophylaktische
Betreuung gerade von Kindern mit erhöhtem Kariesrisiko hat. Wir dürfen deshalb staatliche Stellen nicht aus ihrer Verantwortung entlassen! Auch an die Krankenkassen
geht an dieser Stelle die Bitte, die so wichtigen Budgets für die erfolgreichen
prophylaktische Bemühungen nicht zu kürzen.
Ebenfalls
von gesellschaftlicher Relevanz sind die Aspekte einer ausgewogenen und
mundgesunden Ernährung und risikoarmer Lebensstile, die zukünftig in
Kooperation mit den entsprechenden Partnern (Ministerien, Kommunen, Medizin,
Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Drogenbeauftragte, Medien etc.) verstärkt
öffentlichkeitswirksam vermittelt werden müssen (Gesundheitserziehung).
Aber
auch für die Zahnärzteschaft und ihre berufspolitischen sowie wissenschaftlichen
Organisationen ergeben sich zahlreiche Aufgabestellungen. Die spezifischen
Aspekte der Alterszahnheilkunde gewinnen an Bedeutung. So gilt es die medizinische
und soziale Kompetenz zu erhöhen und altersadäquate Betreuungsangebote in den
Praxen zu etablieren. Darüber hinaus sind Kompetenzangebote und Betreuungsstrategien
für die Alters- und Pflegeeinrichtungen zu entwickeln. Gemeinsam mit der
Wissenschaft gilt es im Rahmen der Versorgungsforschung das vorhandene Versorgungssystem
im Hinblick auf die demographischen Veränderungen zu evaluieren. Im Rahmen der
wissenschaftlichen Forschung sind verstärkt medizinisch biologische Aspekte
aufzugreifen und die medizinische Ursachenforschung zahnmedizinischer
Erkrankungen (Risikofaktorenmedizin) zu verstärken.
Auf
dieser Basis ist eine enge Vernetzung
der Aufklärungsaktivitäten von
Zahnmedizin und Medizin anzustreben.
Die
Entscheidungen der Bundesregierung zum Wettbewerbsstärkungsgesetz lassen jedoch
eine zukunftsweisende Entscheidung zur Finanzierung der gesetzlichen
Krankenversicherung vermissen. Ganz klar: Allein mit dem Mehr an staatlicher
Regulierung ist die demographische Entwicklung nicht zu lösen!
Deswegen
haben auch wir unsere Zweifel an einer dauerhaft gesicherten Entwicklung für
die Prävention, zumal durch die älter werdende Bevölkerung zahlreichen
präventive Potentiale noch weiter erschlossen werden müssen.
Die
Entscheidung für ein Mehr an Prävention und ein Mehr an Mundgesundheit ist
somit immer auch eine gesundheitspolitische Grundsatzentscheidung im Hinblick
auf die demographischen Veränderungen in unserer Gesellschaft.
"Gesund
beginnt im Mund - auch unsere Zähne leben länger": Mit diesem Slogan soll den
Patienten und der Gesellschaft, der Politik, den Ärzten und den Zahnärzten
deutlich werden, dass profunde, nachhaltige Prophylaxe mit Blick auf die älter
werdende Bevölkerung wichtiger denn je wird. Es ist eine Gemeinschaftsaufgabe,
Zahngesundheit - mit allen positiven Folgen für die Allgemeingesundheit - bis
ins hohe Lebensalter zu ermöglichen. Wir hoffen, dass dieser Tag der
Zahngesundheit dafür ein Bewusstsein schaffen wird.
Der
heutige Tag ist auch eine willkommene Gelegenheit im Namen der Bundeszahnärztekammer
dem engagierten Praxispersonal, den niedergelassenen Zahnärzten, den Landes-
und regionalen Arbeitsgemeinschaften für Jugendzahnpflege, den Krankenkassen,
den Zahnärzten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, den Lehrern und Erziehern
sowie allen weiteren Partnern, die seit Jahren "vor Ort" an der
Umsetzung einer präventionsorientierten Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde
arbeiten, ein herzliches Dankeschön für die geleistete Arbeit zu sagen. Ohne
die großartige Unterstützung dieser vielen Partner im Bereich Mundgesundheit
wären die bisher erreichten Erfolge insbesondere in der Kariesprävention nicht
möglich!
Für
Rückfragen:
Dr.
Sebastian Ziller, Bundeszahnärztekammer
Tel.: 030 /
40005-125
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(Das Statement finden Sie -
wie die anderen Beiträge zur zentralen Pressekonferenz anl. Tag
der Zahngesundheit 2007 - auf www.bzaek.de sowie unter www.tag-der-zahngesundheit.de)
[i] Im Jahr 2006 hat das Institut der Deutschen Zahnärzte
(IDZ), getragen von Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und Kassenzahnärztlicher
Bundesvereinigung (KZBV), mit Unterstützung von zahnmedizinischen
Hochschullehrern die vierte bundesweite Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS IV)
publiziert.
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